Legendärer Cocktail: Auf den Spuren des Negroni in Italien

Man sollte meinen, ein Drink ist ein Drink. Nicht so der Negroni – der italienische Cocktail ist eine Legende. Eine Geschichte über einen Grafen, Hochkultur aus dem Glas, Mailand und Florenz.

Schon aus der Ferne leuchtet die Bar Basso in der Mailänder Via Plinio in die verregnete Nacht hinein: Über dem Eingang prangt ein überdimensionaler Schriftzug in Rot-Weiß. Drinnen wird der klassische Aperitif-Cocktail Negroni in Gläsern ausgeschenkt, die ungefähr die Größe von Fußballpokalen haben. 

Er besteht zu drei gleichen Teilen aus Campari, rotem Wermut und Gin. Dazu kommen Eiswürfel und eine Orangenscheibe. Die italienische Lebensart ohne ihn – undenkbar. 

Mehrere Gruppen sitzen mit diesen absurd großen Negronis herum, Frauen in weißen Schlaghosen machen Selfies vor dem Tresen, großes Ciao an die Barkeeper beim Gehen, es läuft „Let’s Dance“ von David Bowie. Das alles könnte auch eine Szene aus einem Helmut-Dietl-Film sein.

Draußen Regen, drinnen Strandgefühle

Der Kellner bringt einen Negroni Sbagliato, das Getränk des Hauses. die Abwandlung des Kult-Getränks wurde hier erfunden. Statt Gin ist Prosecco drin. Der erste Schluck schmeckt nach Sommer, der zweite auch. Draußen soll schlechtes Wetter sein? Fühlt sich nicht so an. Der Kellner heißt Graziano und bringt Oliven, Chips, kleine Brote mit Thunfischpaste. Ein Cocktail ist in Italien ja immer auch eine halbe Mahlzeit. Beim dritten Schluck wähnt man sich innerlich schon fast am Strand.

Graziano erzählt, dass er seit 28 Jahren in der Bar arbeitet und kickt eine Olive vom regennassen Boden. Ein Mann kommt mit einer leuchtenden Lieferservice-Kastentasche herein: Muss der jetzt Negronis in Fußballpokalgröße durch die Nacht fahren? Nein, er bringt den Kellnern nur Pizza. Wieder großes Ciao.

Graziano holt Chefin Roberta, die Schwester von Inhaber Maurizio Stocchetto, den für seinen Negroni Sbagliato berühmten Barkeeper. Sie bestätigt, dass die Negroni-Gläser etwas überdimensioniert sind. Der Vergleich mit dem Fußballpokal gefällt ihr. Über den Negroni sagt sie, er sei in Florenz geboren – es klingt, als sei er ein Mensch.

Als der Graf einen stärkeren Drink wollte

Eine Geburtsurkunde hat der Drink nicht – aber immerhin eine Gedenktafel. Sie prangt an dem Haus in Florenz in der Via della Spada, in dem einst das Caffè Casoni war. An dessen Tresen soll im Jahr 1919 Graf Camillo Negroni einen Americano (Campari, Wermut, Sodawasser) bestellt haben – nur ein bisschen stärker.

Der Barkeeper ersetzte das Wasser mit Gin und die Zitronenscheibe mit der einer Orange – geboren war der Negroni. Der Mann hinterm Tresen hieß Fosco Scarselli. Ein Barmann, der in Italien mit Namen bekannt ist.

Vor der Gedenktafel zu Ehren des Negroni steht bei meinem Besuch in Florenz ein Baugerüst, wo einst das Caffé Casoni war, gehen Touristen heute shoppen. Fosco Scarselli ist lange tot, Camillo Negroni auch. Aber ihr Cocktail lebt. Und wie. Einmal jährlich findet weltweit eine „Negroni-Week“ statt – dieses Jahr Mitte September. Hollywoodstars zeigen auf Instagram ihre Drinks.

Vom Geheimtipp zum Klassiker

Nach Graf Negronis Bestellung blieb der Drink ein Geheimtipp, später machte ihn eine Bar auf Kuba populär. In den Fünfzigern schließlich avancierte er zum Klassiker – etwa im italienischen Hollywood, der Cinecittà in Rom. US-Regisseur Orson Welles soll vom Negroni geschwärmt haben.

Nachzulesen ist das alles in unzähligen Artikeln – von der „New York Times“ bis zum „Zeit-Magazin“. Vor allem aber steht es in einem Buch des Florenzer Barkeepers Luca Picchi zum Ursprung des Negroni. Wer immer noch glaubt, es handle sich nur um einen Cocktail: Das Vorwort stammt von niemand Geringerem als Antonio Paolucci. Der ist kein Barkeeper, sondern Kunsthistoriker. Bis 2016 war er Direktor der Vatikanischen Museen in Rom. Der Negroni gehört zur italienischen Kultur wie die Uffizien zu Florenz.

Besuch beim obersten Negroni-Experten

Man trinkt mit dem Negroni eine Geschichte, sagt Luca Picchi, nicht nur einen Cocktail. Barkeeper und Autor Picchi also ist Italiens oberster Negroni-Experte, und er ist Barchef im altehrwürdigen Caffè Gilli im Zentrum von Florenz – geraffte Tüllvorhänge, Marmortische, Kronleuchter. Auf der riesigen Außenterrasse ist bei schönem Wetter jeder Platz besetzt. Es sitzen dort viele Touristen, von denen die meisten vermutlich noch nie etwas von Graf Negroni gehört haben.

Stellt sich die Frage, ob Picchi den Namen Negroni noch hören kann? Kann er. Nur seine Gegner nerven ihn. Ein französischer Blogger etwa behauptet, der Negroni sei auf Korsika erfunden worden.

Picchi dagegen sagt, er habe Original-Dokumente und Fotos, die seine Theorie belegen. Darunter ein Brief aus dem Jahr 1920, in dem ein Freund Negroni warnte, nicht zu viel Negroni zu trinken. Bekommen habe er die Unterlagen von Camillo Negronis Enkeln. 

Picchi beschreibt Graf Negroni als faszinierend, aber bescheiden. In seinem Buch finden sich Schwarz-Weiß-Bilder des Grafen: ein großer, schmaler Mann, der mal mit Schnurrbart, mal ohne in die Kamera schaut. Eher streng als heiter. Man sieht ihn mit Hunden oder Gewehr. Einen Cocktail hat er nie in der Hand.

In Europa ungewohnte Trinkvorlieben

Camillo Negroni kam 1868 in der Nähe von Florenz zur Welt und lebte später als Cowboy in Wyoming und im kanadischen Alberta, auch in New York. 1912 kehrte er zurück nach Italien, sprach vier Sprachen: Italienisch, Spanisch, Französisch, Englisch. Die Zeit in Amerika beeinflusste wohl seine Trinkvorlieben. Getränke zu mischen und Eiswürfel zu verwenden, war nicht sehr verbreitet in Europa.

Der Graf starb 1934 mit 66 Jahren, ein Jahr nach dem Tod seiner Frau. Über all das gibt es auch einen Film: „Looking for Negroni“ von Federico Micali.

Das Mäntelchen des Kardinals und weitere Variationen

Abseits der klassischen Variante gibt es inzwischen unzählige Variationen. Neben dem mit Prosecco, dem Sbagliato, etwa den Boulevadier (Bourbon statt Gin). Oder den Teqroni (Tequila statt Gin). Einer der ersten Twists war in den Fünfzigern der Cardinal: Nicht weil Filmstar Claudia Cardinale ihn bestellt hätte. Aber weil ein Kardinal einen Barmann in Rom zu einer Variante mit einer besonderen Wermut-Sorte inspirierte. Ein Wermut so rot wie das Mäntelchen des Kirchenmannes.

Picchi wiederum hat sich eine Mezcal-Variante namens Neg-Mex ausgedacht, die mit einem gerösteten Marshmallow daherkommt – „una provocazione“, sagt er und lacht. Es gibt in seinem Café auch Negroni-Pralinen und Negroni-Gelatine. Ein bisschen schade ist es, dass man Camillo Negroni nicht mehr fragen kann, wie er das alles findet. Picchi dagegen zeichnet der Besucherin bereitwillig eine Skizze in den Notizblock, um das Grab des Grafen zu finden.

Am Grab Negronis

Der Namensgeber des Negroni ist auf dem weitläufigen Friedhof Trespiano außerhalb von Florenz bestattet. Wem die Touristenmassen in der Innenstadt rund um Dom und Uffizien zu anstrengend sind, kann sich auf eine einstündige Wanderung zu diesem Friedhof machen und die toskanische Landschaft bewundern. Langweilig muss einem dort nicht werden: Neben dem Friedhof findet sich nicht nur ein Café, sondern auch eine Eisdiele.

Das Grab des Grafen ist dank Picchis Skizze schnell gefunden – eine schlichte Steinplatte vor einer hohen Grabwand, darauf lediglich der Name Camillo Negroni und das Geburts- und Sterbedatum. Kein Trinkspruch, kein eingraviertes Cocktail-Glas.

Es ist die schlichteste Grabplatte, die man sich angesichts von Negronis Erbe vorstellen kann, und das ist bei all dem Hype doch beruhigend. Am Ende ist der Negroni vielleicht doch nur ein Cocktail. Wenn auch ein legendärer.

Süddeutsche Zeitung zu Negroni Trailer zu Film „Looking for Negroni“ (auf Italienisch)

Nachrichtenquelle: geo.de

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